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FiSch –  Familie in Schule

Ein gemeinsames Projekt der Kinder- und Jugendpsychiatrie Schleswig 
und der Schule Hesterberg Schleswig

Ein Arbeitsbericht (erschienen in der Zeitschrift "systhema" , Heft 3, 2009)
Ulrike Behme-Matthiessen, Kerstin Bock, Andree Nykamp, Thomas Pletsch

Zusammenfassung

Die Verhaltensprobleme von Schülern nehmen zu und es wird immer deutlicher, dass sie nur unter Einbeziehung und mit Unterstützung des Elternhauses lösbar sind. In England und Dänemark werden seit Jahren im Rahmen eines multifamilientherapeutischen Ansatzes (family education) Familie und Schule zusammengeführt und dabei die Arbeit mit Familiengruppen auf den Schulalltag übertragen. Angeregt durch diese Modelle entwickelten die Tagesklinik Baumhaus des Schlei-Klinikums Schleswig gemeinsam mit der Schule Hesterberg/Schleswig das FiSch-Programm (Familie in Schule) zur Reintegration von Schülern mit sozial-emotionalen Auffälligkeiten. Dieser Arbeitsbericht beschreibt die Praxis von „Familie in Schule“.


Inhaltsangabe:
Der 10-jährige Marco besucht die 4. Grundschulklasse
FiSch - das heißt  . . .
Zusammenspiel der Kräfte: Multifamilientherapie
Zielorientiertes Arbeiten
Mittwoch ist FiSch-Tag
Praktischer Ablauf von Familie in Schule

                              Beginn
                              Unterricht
                              Aktuelles Verhalten thematisieren
                              Problem definieren
                              Handlung konkretisieren
                              Zielfokussiert moderieren
                              Beobachtung des Kindes
Abschluss
Das Bewertungssystem
Ausblick

Kontakt

 

Der 10jährige Marco besucht die 4. Grundschulklasse.

Die Lehrerin berichtet, er sei eher ein Einzelgänger in der Klasse. Zwar gäbe es einen Mitschüler, mit dem er die Pausen zeitweise zusammen verbringe, ansonsten würde sie wenig Kontakte zu den anderen Kindern beobachten können. Es würde ihm scheinbar schwer fallen, sich an die bestehenden Gesprächsregeln zu halten: Marco ruft spontan in die Klasse, wenn ihm auf die Fragen der Lehrer eine Antwort einfällt. Neue Aufgabenstellungen scheinen ihn sehr zu verunsichern, er rutscht dann auf seinem Stuhl hin und her, steht immer wieder von seinem Platz auf, geht durch den Klassenraum und spricht unaufgefordert die anderen Kinder an. Seine Leistungen in Sport und HSU seien sehr gut, in allen anderen Fächern zeige er sehr schwache Leistungen. Die Lehrerin berichtet, Marco sei an der Schule kein „Einzelfall“. Problematische Situationen mit Schülern würden in allen Klassen zunehmen, das würde sie auch von Kollegen anderer Schulen hören. Diese Aussage spiegelt sich auch in einer orientierenden Lehrerbefragung vom Juli 2008  zu Kindern mit sozial-emotionalem Förderbedarf in der Eingangsstufe wieder. Lehrer hatten dabei die Aufgabe, die Kinder ihrer Lerngruppe den Kategorien

            A: Kinder ohne besondere Probleme, 

            B: Kinder mit Problemen und

            C: Kinder mit massiven Problemen

zuzuordnen und die Problemschwerpunkte zu spezifizieren ( Angst, Rückzug, motor. Unruhe, Aggression, weitere Probleme).

Die Befragung kommt zu dem Ergebnis, dass in der Eingangsstufe 17,5% der Kinder Probleme und mehr als 8% massive Probleme haben!

Auch wenn diese Befragung keinen Anspruch auf wissenschaftliche Exaktheit erhebt, bestätigt sie doch die Einschätzung vieler Pädagogen, dass Verhaltensprobleme der Kinder im Schulalltag einen immer größeren Raum einnehmen.

Bisher reagierten die Schulen auf die Zunahme von Verhaltensproblemen mit einer Palette unterschiedlicher, schulbezogener Maßnahmen von Beratungsangeboten für entsprechende Lehrkräfte, Inselprojekten, Reduzierung der Beschulungszeiten bis hin zu Schulbegleitung oder Beschulung in Spezialklassen.

Zunehmend setzt sich dabei die Erkenntnis durch, dass Schule allein bei der Bewältigung dieser Probleme überfordert ist und Schule und Elternhaus neue Formen der Kooperation entwickeln müssen.

 

Zurück zu Marco.

Marcos Eltern berichten von erheblichen Problemen zu Hause. Marco würde meistens sehr gereizt aus der Schule nach Hause kommen und schnell in Streit mit seinem jüngeren Bruder verstrickt sein. Die Hausaufgabensituation wird von der Mutter als Tourtour für Marco und sie beschrieben. Die Freunde zum gemeinsamen spielen seien häufig wechselnd, da Marco immer wieder in Auseinandersetzungen verwickelt sei. Die Mutter fühlt sich mit der Erziehungsarbeit oft überfordert, zudem sei ihr Mann von Montag bis Donnerstag als Monteur unterwegs und nur an den Wochenenden  zu Hause.

Auf Anraten des Hausarztes melden sich die Eltern in der Institutsambulanz der Kinder-und Jugendpsychiatrie am Schleiklinikum Schleswig, diese empfiehlt weiter zur „Tagesklinik Baumhaus“ – nur wenige Gebäude weiter. Nach einem Vorgespräch und einigen Wochen Wartezeit wird Marco schließlich in dieser Tagesklinik für Kinder aufgenommen und in ein auf seine Bedürfnisse zugeschnittenes Behandlungsprogramm eingebettet. Vormittags besucht er während dieser Zeit die Klinikschule. Hier nimmt Marco nach wenigen Wochen am FiSch-Programm teil. Das soll ihn darin unterstützen, wieder angemessen in seiner „Heimatschule“ beschulbar zu sein.

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FiSch – das heißt Familie in Schule

und ist eine Kooperation der Tagesklinik Baumhaus am Schleiklinikum Schleswig gemeinsam mit der Schule Hesterberg/Schleswig. 

FiSch ist angeregt durch das in England im Rahmen des Marlborough Hospital entwickelten „family education“- Programm,  einem  Programm aus dem Bereich der Multifamilientherapie. Hierbei lernen die Eltern in einer Elterngruppe im Unterricht, selbstständig und situationsadäquater zu handeln und  sich bei schwierigen Situationen gegenseitig zu unterstützen. Zusätzlich sollten die Eltern für schulische Anforderungen sensibilisiert werden.

Umfangreicher wird ein vergleichbares Modell in London und in verschiedenen dänischen Städten schon länger zur Reintegration nicht beschulbarer Schüler in die Regelschule durchgeführt.

Begonnen haben wir mit der Projektplanung in der Tagesklinik Baumhaus des Schlei Klinikums Schleswig und in der Schule Hesterberg im Sommer 2006. Seit Herbst 2006 haben wir FiSch in unsere Arbeit integriert.

Wir, das sind Ulrike Behme-Matthiessen, Dipl.Psychologin, Psychol.Psychotherapeutin, syst. Familientherapeutin, Leiterin der Tagesklinik Baumhaus/Schleswig am Schleiklinikum Schleswig, Fachklinik für Kinder-und Jugendpsychiatrie, Kerstin Bock, Grund-und Hauptschullehrerin, Andre Nykamp Sonderschullehrer, beide an der Schule Hesterberg/Schleswig und Thomas Pletsch, Arbeitspädagoge/Transaktionsanalytiker, Leiter der Abt. kreative Therapien am Schleiklinikum Schleswig, Fachklinik für Kinder-und Jugendpsychiatrie.

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Zusammenspiel der Kräfte:  Multifamilientherapie

Die Idee, Familien in den Unterricht zu integrieren, basiert auf multifamilientherapeutischen Prinzipien und wurde als „family education“ in London von Eia Asen und seinem Team entwickelt.

Multifamilientherapie ist ein therapeutischer Ansatz, bei dem Gruppen- und Familientherapie kombiniert werden und 4-10 Familien gleichzeitig behandelt werden ( s. Asen/Scholz, 2009).

Häufig sind es „Multiproblemfamilien“, bei denen unterschiedliche Helfersysteme involviert sind ( Familienhilfe, Jugendamt, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Erwachsenenpsychiatrie), oft mit dem Effekt, dass die Familien immer mehr Verantwortung abgeben, sich zunehmend hilflos fühlen und auch die Professionellen sich gegenseitig paralysieren. In der Multifamilientherapie wird den Familien Verantwortung zurückgegeben, die Rolle des Therapeuten/Beraters wird neu definiert.

Ziel ist es , dass sich die Familien gegenseitig stützen und beraten und dadurch zunehmend wieder ihre eigene Kompetenz erleben. Die Aufgabe der Berater und Therapeuten besteht darin, hilfreiche Kontexte zu schaffen (Wer soll dabei sein? Wo soll das Ganze stattfinden? Wie soll die konkrete Situation gestaltet sein?) und durch gezielte Fragen zum Handeln zu ermutigen. Sie sollen Ressourcen wecken und die Interaktion zwischen den Familien fördern.

Multifamilientherapie setzt auf ganz unterschiedlichen Ebenen an. Sie hilft, soziale Isolation zu überwinden, die bei Familien mit ausgeprägten psychosozialen Problemen häufig auftritt. Durch die gemeinsame therapeutische Arbeit mit anderen Familien werden Vorurteile abgebaut und gegenseitiges Lernen angeregt. Dabei erweitern neue Sichtweisen die eigene Perspektive. Familien sehen sich in anderen Familien gespiegelt, geben und erhalten Unterstützung. Sie experimentieren mit neuen Verhaltensweisen und erleben sich dadurch immer weniger in der Opferrolle sondern zunehmend mehr als „Gestalter“ ihres Lebens.

Multifamilientherapie wird europaweit in verschiedenen Ländern praktiziert (England,  Deutschland, Belgien, Dänemark, Frankreich, Polen) und verschiedene Projekte arbeiten in Programmen der europäischen Union zusammen, um diesen Ansatz weiterzuentwickeln und wissenschaftlich zu validieren. (DAPHNE)

Die Arbeit mit Familiengruppen im Schulalltag fördert eine enge Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus. Die Eltern können anders Anteil nehmen am schulischen Leben ihrer Kinder, so dass sich gegenseitige Vorbehalte in der Regel auflösen und die Kinder erleben, dass Schule und Elternhaus an einem Strang ziehen. Durch die Unterstützung in der Elterngruppe  und  während der gemeinsamen Reflexionsrunden werden die Eltern zunehmend sicherer in ihrer Erziehungsfähigkeit.

Aus der Resilienzforschung ist bekannt (Wustmann et al), dass sich der autoritative Erziehungsstil  günstig auf die Entwicklung von Kindern auswirkt. Eine entsprechende Haltung wird in den Multifamiliensitzungen  gestärkt: Das Interesse und die liebevolle Zuwendung, aber  auch das Bestehen auf und das Durchsetzen von vereinbarten Regeln. Gerade das Durchsetzen von Vereinbarungen kann hier immer wieder „life“ geübt werden, jedoch nicht allein, sondern in einem unterstützenden Kontext.

Der „family education“ Ansatz findet zunehmend in Europa Verbreitung. So gibt es in unserem Nachbarland Dänemark bereits über 100 Klassen, die nach diesen Prinzipien arbeiten. In England gibt es Angebote  unterschiedlicher Intensität: in der  Familienschule werden 10 Schüler im Alter von 5-16 Jahren über einen Zeitraum von 3-9 Monaten  viermal die Woche gemeinsam mit mindestens einem Elternteil beschult.

Daneben gibt es die Familienklasse, in der einmal in der Woche 8 Kinder mit elterlicher Präsens und den dazugehörigen multifamilientherapeutischen Runden unterrichtet werden. Hierbei spielen „gestandene Eltern“, die selbst als Eltern mit ihrem Kind erfolgreich an einem family education setting teilgenommen haben, eine wichtige Rolle. Sowohl bei der Familienschule als auch bei der Familienklasse besuchen die Kinder von Anfang an zumindest stundenweise ihre Heimatklasse, damit die Verbindung nicht abreißt und deutlich bleibt, dass der Schüler oder die Schülerin nach wie vor zu dieser Schule gehören.
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Zielorientiertes Arbeiten

Ein Kernstück des multifamilientherapeutischen Arbeitens in der Schule ist das zielorientierte Arbeiten. Die Ziele werden vereinbart zwischen den Eltern, dem Lehrer der Familienklasse, dem Lehrer der Heimatschule und dem Schüler oder der Schülerin. Sie sollen das Verhalten konkret beschreiben, das der Schüler oder die Schülerin mit Unterstützung ihrer Eltern erlernen soll und das Voraussetzung für eine erfolgreiche Beschulung in ihrer Heimatklasse ist.

Von daher sollen diese Ziele

·        positiv formuliert sein

·        konkretes Verhalten beinhalten, so dass die Ziele Kindern und Eltern eine klare Orientierung geben.

·        Zudem sollten Schritte so bemessen sein, dass sie vom Kind leistbar sind und

·        komplexe Verhaltensweisen in überschaubare Schritte zerlegt werden.

 

Besonders die positive Formulierung des erwünschten Zielverhaltens fällt manchmal nicht leicht, ist aber von großer Bedeutung. Bei der Formulierung „Fritz stört die anderen Kinder im Unterricht nicht“ ist die Frage nicht beantwortet, was Fritz stattdessen tun soll. Doch gerade darum muss es gehen, das zu erreichende Verhalten (leise arbeiten, sich auf die eigenen Aufgaben konzentrieren) muss in den Fokus der Aufmerksamkeit.

Im Sinne des lösungsorientierten Ansatzes hat schon die Formulierung von positiven Zielen Effekte, da sie die Fokussierung auf die Probleme umwandelt in eine Orientierung auf Ziele - ein Schritt aus der „Problemtrance“ in die „Lösungstrance“ (nach G. Schmidt / Systemiker ).   

Wichtig ist, dass diese Ziele für Kinder und Eltern nachvollziehbar sind und, dass alle Beteiligten mit der Zielsetzung einverstanden sind. Gerade bei jüngeren Kinder müssen die Ziele den Kindern auch immer wieder von den Eltern an Beispielen verdeutlicht werden.

Während in den Familienklassen und -schulen nach dem „family education“ Modell  die Zielerreichung mit positiven und negativen Konsequenzen im häuslichen Bereich verbunden ist, haben wir ähnlich wie unsere dänischen Kollegen nach einer kurzen Experimentierphase auf positive und negative Verstärker weitgehend verzichtet und uns auf die Bewertung der Zielerreichung und ihre graphische Darstellung (s. unten) beschränkt.
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Mittwoch ist FiSch-Tag

Praktischer Ablauf von Familie in Schule

Der Mittwoch ist für die Kinder der Tagesklinik Baumhaus, die am FiSch-Programm teilnehmen, der FiSch Tag. Die Gruppe besteht neben den regulär zu beschulenden Kindern der Tagesklinik aus max. 6 Kindern mit ihren Elternteilen, einer Lehrkraft und einem Therapeuten. Für jedes Kind, dass an FiSch teilnimmt, werden Verhaltensziele von den Lehrkräften der Heimatschule benannt:

-         Marco arbeitet sauber

-         Marco konzentriert sich auf seine Aufgaben

-         Marco meldet sich, bevor er etwas sagt

-         Jasmin arbeitet leise 

-         Jasmin befolgt die Anweisungen der Erwachsenen

Wir halten während der gesamten Behandlungszeit einen intensiven Kontakt zu den Heimatschulen.

Kinder, die an FiSch teilnehmen, besuchen auch stundenweise den Unterricht ihrer Heimatschule, zu Beginn in der Regel für zwei Unterrichtsstunden. Im Verlauf der folgenden Wochen werden diese Stunden stetig aufgestockt.   

Diese vergleichsweise frühe Reintegration hat viele positive Aspekte:

Ø die Kinder haben die Möglichkeit, Gelerntes unter den Rahmenbedingungen der Heimatschule (die sich sehr von unseren unterscheiden) zu zeigen.

Ø Es ist nicht mehr so, dass das Kind in der Klasse mehrere Monate fehlt und dann irgendwann wieder auftaucht, sondern eine soziale Integration wird unterstützt.

Ø Durch das zumeist angemessenere Verhalten des Kindes nehmen Mitschüler und Lehrkräfte das Kind wieder positiv wahr.

Ø Das Kind ist nicht mehr der Störenfried.

Ø Oft haben wir den Satz gehört: „Seitdem Felix nicht mehr in der Klasse ist, ist es so ruhig! Durch die schrittweise Reintegration ist Felix wieder in der Klasse und es ist ruhig!“

Insgesamt erwies sich die enge Vernetzung mit den Heimatschulen als ausgesprochen sinnvoll. Die beteiligten Lehrkräfte zeigen sich überwiegend sehr kooperativ, offen und interessiert.
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Beginn

Der FiSch -Tag selbst hat einen ritualisierten Ablauf:

Um 9.00 Uhr treffen sich die Eltern mit dem Therapeuten zu einer Vorbesprechung. Ziel dieses Treffens ist u.a. die Erklärung des Ablaufs für neue „FiSch - Eltern“. Zudem erhalten die Eltern die „FiSch -Mappe“: einen Hefter mit den Zielen und den dazugehörigen Bewertungsergebnissen der letzten Schulwoche. Hier werden dann auch die Möglichkeiten und Ideen der Eltern besprochen, ihre Kinder während der nächsten beiden Unterrichtsstunden zu unterstützen. Dazu können die Eltern persönliche Ziele bezüglich ihres eigenen Erziehungverhaltens für diesen Vormittag formulieren (z.B.: „ich möchte ruhig bleiben, auch wenn Kevin mich sehr fordert“).
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Unterricht

Um 9.30 Uhr trifft sich dann die oben beschriebene FiSch -Gruppe und beginnt den Unterricht gemeinsam mit einem Morgenritual und dem Vortragen und Besprechen der Ziele und Ergebnisse im Plenum durch die Kinder.

Anschließend folgen zwei Unterrichtsstunden mit den individuellen Arbeitsprogrammen der Kinder, die möglichst dem Lernstoff der Heimatschulen angepasst sind. Die Eltern begleiten den Unterricht, je nach Anforderung, unmittelbar bei ihrem Kind im Klassenraum oder beobachtend aus einem angeschlossenen Nebenraum heraus. An dieser Stelle setzt bei Bedarf das Elterncoaching an.

Mit Coaching ist im beraterischen und therapeutischen Setting ein Verfahren gemeint, dass zur Unterstützung  im Erreichen von Veränderungen und Zielen gilt.  

Elterncoaching im Unterricht hat  das Ziel, die Eltern für das Verhalten der Kinder zu sensibilisieren, sie im Umgang mit ihren Kindern zu unterstützen und die elterlichen Handlungsmöglichkeiten zu erweitern Zur Umsetzung dieser Unterstützung bieten sich unterschiedliche Strategien an, wodurch sich das Elterncoaching  in fünf Stufen operationalisieren lässt:

·        aktuelles Verhalten thematisieren

·        Problem definieren

·        Handlung konkretisieren

·        zielfokussiert moderieren

·        Beobachtung des Kindes

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Aktuelles Verhalten thematisieren: Das augenblickliche Verhalten des Kindes ist Gegenstand der Reflexion im FiSch (keine „ollen Kamellen“, keine „ist-es-nicht-schrecklich“ Spiele).

Beispiel: Kevin sitzt im Augenblick ruhig auf seinem Stuhl  und macht dabei einen sehr konzentrierten Eindruck. Die begleitende Therapeutin beschreibt diese Beobachtung der Mutter gegenüber und fragt, ob sie dies bestätigen kann. Kevins Mutter bestätigt diese Beobachtung mit dem Zusatz, dass es ja die ganze letzte Woche so schwierig gewesen sei.. Sie könne sich gar nicht vorstellen,, dass Kevin in vier Wochen wieder jeden Tag die Heimatschule besucht. An dieser Stelle fokussiert die Therapeutin wiederholt die aktuelle Situation, in der Kevin ein gelingendes Verhalten zeigt. Dabei „lädt die sie Mutter ein“, ihren Focus ebenfalls auf diese positive Situation zu richten und sich nicht mit vergangenen Problemen oder zukünftigen Befürchtungen zu belasten. Dies wirkt auch negativen Vorannahmen entgegen und unterstützt eine Wahrnehmung im Hier und Jetzt.
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Problem definieren: Das Verhalten des Kindes wird vor dem Hintergrund der Ziele mit den Eltern beschrieben. Daraus kann ein Konsens über die Bewertung des Verhaltens des Kindes geschaffen werden.

Beispiel: Therapeutin: „Ich sehe, dass Kevin häufig aufsteht, zum Mülleimer geht um seinen Anspitzer auszulehren (Verhaltensbeschreibung) und dadurch die andere zu stören scheint (Verhaltensbewertung). Was ist  Ihre Wahrnehmung? (Konsensschaffung)“.
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Handlung konkretisieren: Diese Option beabsichtigt die Klärung, was genau kann jetzt wer gezielt tun? Dazu  gehören Überlegungen, wie die Unterstützung des Kindes jetzt am sinnvollsten aussieht.

Beispiel: Nachdem die Therapeutin und Kevins Mutter einen Konsens über das Verhalten von Kevin erreicht haben, wird geklärt, wie mit dieser Situation umzugehen ist. Vielleicht geht die Mutter zu Kevin und begleitet ihn an seinen Platz mit einer Erklärung, wann Kevin aufstehen und zum Mülleimer gehen darf.. Oder die Therapeutin vermittelt zwischen Kevin und seiner Mutter, was die Mutter tun kann, damit Kevin an seinem Platz sitzen bleibt? Hierbei geht es um unmittelbare und klare Handlungsmöglichkeiten.
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Zielfokussiert moderieren: Eine wichtige Aufgabe für den Therapeuten besteht darin, immer wieder auf die Ziele und möglichen Hilfestellungen zurückzukommen und sich nicht auf Phrasen und  Nebenschauplätze einzulassen.

Beispiel: „Klagegespräche“ der Eltern über Schule und Gesellschaft oder die Organisation von Spielabenden der Eltern werden von den Therapeuten unterbrochen. Dabei  steht der Weg von passivem Verhalten zu aktivem zielgerichteten Denken und Handeln im Vordergrund des Interesses. Klagegespräche und private Themen werden von uns daher nach wenigen Minuten aus einer wertschätzenden Haltung mit dem Hinweis auf die momentane Aufgabenstellung unterbrochen.
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Beobachtung des Kindes: Eltern, die ihren Fokus auf unerwünschtes Verhalten des Kindes richten, regen wir zu  Beobachtungen von  positivem Verhalten ihres Kindes  an .
 

Beispiel: Kevins Mutter wird aufgefordert, sich schriftliche Notizen darüber zu machen, welches positive Verhalten von Kevin sie während der Unterrichtsstunden  insbesondere bezüglich der Ziele beobachtet.
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Abschluss

Nach dem Unterricht trifft sich die Gruppe im Plenum zur Abschlusssitzung,

die mit einem Interview beginnt. Dazu findet sich jedes Kind mit einem anderen Elternteil zusammen. Dieser Elterntausch erwies sich besonders dann als sehr hilfreich, wenn es während des Unterrichtes zu Konflikten zwischen Elternteil und Kind kam. Im Interview hat jedes Kind die Chance, sich einzuschätzen (Diese Einschätzungen entsprechen meistens den Wahrnehmungen der beteiligten Erwachsenen !).

Nach wenigen Minuten setzt sich das Multifamilienplenum wieder zusammen. Die Interviewbögen werden von den  Eltern vorgetragen und

das Verhalten der Kinder vor dem Hintergrund der Zielsetzungen beschrieben und bewertet.

Die endgültige Bewertung gibt die Lehrkraft, wobei teilweise Abweichungen von der Meinung der Eltern oder der Kinder im positiven oder negativen Sinne möglich sind.

War eine Bewertung sehr positiv, wird dies mit Applaus honoriert.

Wir fragen dabei die Kinder immer wieder nach „Tricks“, die ihnen geholfen haben, ihre Ziele zu erreichen.
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Das Bewertungssystem

Jedes Kind erhält wöchentlich einen Bewertungsbogen:

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie zu sehen ist, werden oben die Ziele des Kindes eingetragen. In der Tabelle werden die Ziele jeweils für jede Unterrichtsstunde durch den Lehrer bewertet.

Die Abstufungen 1 und 2  sowie 3 und 4 (Kasten unten) haben den Zweck, den Kindern eine etwas differenziertere Rückmeldung innerhalb der Bewertung zu ihrem Verhalten geben zu können, da in der Auswertung lediglich ein „Geschafft“ oder „Nicht geschafft“ beschrieben ist. Die Bezifferung folgt dabei nicht den Schulnoten 1 -6 !

Nach der Auswertung liest sich dieser Bewertungsbogen wie folgt:

 

 

 

 

 

 

 

 

Pro Woche ist für jedes Ziel ein „Balken“ gezeichnet. Die Linie von 80 % beschreibt dabei die „Ziellinie“: ab hier hat Felix dieses Ziel erreicht. (Das Bewertungssystem mit dem dazugehörigen Programm wurde uns freunlicherweise von unseren dänischen Kollegen zur verfügung gestellt.) Es zeigte sich, dass die Sichtbarmachung des persönlichen Erfolgs (Säulendiagramme) für die Kinder sehr motivierend ist, so dass wir  auf die anfänglich eingeführten positiven Verstärker (Belohnungen) verzichten. Die Neurowissenschaften führen ähnliche Ergebnisse bei Untersuchungen zum selbstwirksamen Lernen an: Wenn ein Kind aus eigenem Antrieb einen Lernerfolg erzielt, so ist ihm das Belohnung genug. Einen positiven Verstärker könnte das Kind in diesem Zusammenhang dann eher wie eine Beleidigung empfinden!
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Ausblick

Bundesweit scheinen wir mit diesem Konzept ein äußerst Erfolg versprechendes Pilotprojekt gestartet zu haben. Bisher erfahren wir auf unser FiSch Programm eine sehr positive Resonanz. Viele interessierte Kolleginnen und Kollegen hospitieren bei uns und stellen Überlegungen an, ein ähnliches Programm in ihrem Schulalltag zu integrieren. Mittlerweile haben wir unter den Schleswiger Schulen Kooperationspartner gefunden, die sich an FiSch beteiligen. Das heißt: in unserer FiSch -Gruppe haben wir Kinder zu Gast, die nicht teilstationär behandelt werden, sondern im Rahmen eines ambulanten Behandlungsangebotes mit ihren Eltern an FiSch teilnehmen. Wir sind immer wieder erfreut darüber zu erleben wie schnell die Eltern und Lehrer zur Mitarbeit zu gewinnen sind. Problematisch scheint es eher zu sein, Berater bzw. Therapeuten finanziert zu bekommen, die dann gemeinsam mit Lehrer oder Lehrerin eine FiSch Klasse leiten können (was für die erfolgreiche Arbeit mit FiSch unabdingbar ist!). Die unterschiedlichen Kostenträgersysteme ( Jugendamt, Gesundheitsamt, Krankenkassen) können bei allem Interesse bisher kaum einen Konsens finden. Während  unsere Nachbarn in Dänemark mit Experimentierfreude und Veränderungsbereitschaft das „family education“  Modell umgesetzt haben,  sehen wir uns bürokratischen Hürden gegenüber gestellt, was schließlich auch zur Frustration von engagierten MitarbeiterInnen beiträgt und letztlich auch einen volkswirtschaftlichen Schaden verursacht (durch die Finanzierung kostenspieligerer Hilfsangebote).

Sinnvoll  wären regionale Familienklassen, in denen so genannte „schwer integrierbare Schüler“  mit dem oben beschriebenen multifamilientherapeutischen Setting  (unter enger Anbindung an ihre Heimatschulen und mit mindestens 1 Schulstunde pro Woche in der Heimatschule) beschult werden. Bei Schrittweiser Reintegration wird die Zeit der Teilnahme am  Heimatschulunterricht  langsam gesteigert, so dass die Tage mit Elternbeteiligung in der Familienklasse kontinuierlich weniger werden, bis zum Schluss nur noch ein „Stabilisierungstag“ übrig bleibt.

Die Erfahrungen zeigen, dass die meisten Eltern gewillt und in der Lage sind, an einem schulbezogenem Multifamilienprogramm teilzunehmen  und der Zugewinn an Erziehungssicherheit durch die Teilnahme an diesem Programm sich auch auf die häusliche Situation äußerst positiv auswirkt. Es bleibt zu wünschen, dass im Rahmen der Umgestaltung der  Schullandschaft Familienklassen auch bei uns ihren Platz finden – an engagierten LehrerInnen, BeraterInnen und Eltern mangelt es auf jeden Fall nicht.

 

© Ulrike Behme-Matthiessen/Kerstin Bock/Andree Nykamp/Thomas Pletsch       2009

Kontakt:

Schleiklinikum Schleswig
Klinik für Kinder – und Jugendpsychiatrie:
ulrike.behme-matthiessen@damp.de
thomas.pletsch@damp.de

Schule Hesterberg/Schleswig:
Tel.: 04621 / 83 1650
Kerstin Bock / Andre Nykamp
schule.hesterberg@t-online.de
 

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Stand: 04.03.10